❗ Herbert Renz-Polster – Gebärdensprache für Säuglinge

Langer Artikel

Herbert Renz-Polster hat einen Artikel über „Gebärdensprache für Säuglinge“ geschrieben.

Ich frage mich, ob Herr Renz-Polster sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt oder nur ältere Artikel aufbereitet hat.

https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/artikel/gebaerdensprache-fuer-saeuglinge/

Er schreibt: “…. Die Handzeichen werden dabei entweder im alltäglichen Miteinander frei erfunden, oder sie werden definierten „Zeichen-Wörterbüchern“ entnommen. Die darin beschriebenen Handzeichen sind zumeist von den in der American Sign Language verwendeten Gebärden abgeleitet.“

Dies ist nicht richtig:
Die (Kurs)Anbieter von Gebärden für hörende Kinder nutzen Gebärden der Deutschen Gebärdensprache, nur ein Anbieter nutzt eine Handvoll von Gebärden der ASL. (Vor über 10 Jahren war das noch minimal anders)

Herr Renz-Polster führt auch ein Beispiel auf: “… Das Zeichen für „fertig“ etwa sieht dann so aus: beide Fäuste werden vor dem Körper aneinander gehalten, die Arme seitlich nach unten bewegt und dabei die Fäuste geöffnet als ob jede Hand etwas nach unten wirft.“

Ulkiger Weise folgt dann ein Foto mit diversen Gebärden-Illustrationen. Eine Illustration zeigt, wie „fertig“ gebärdet wird. Nämlich so, wie in diesem Video zu sehen ist: https://www.youtube.com/watch?v=xitQ_1TMi_Q

Ach ja, die Quelle (Wikipedia) dieser Gebärden-Illustrationen ist auch nicht benannt.

Im Artikel fragt Herr Renz-Poslter. „Kann die begleitende Verwendung von Gebärden die Sprachentwicklung verbessern?“ Er hält dies nicht für plausibel, denn „…. (es ist ) nicht anzunehmen, dass sein Gelingen von kulturellen Sonderbedingungen abhinge – etwa davon, dass die Eltern die Kommunikation mit ihren Babys durch das bewusste Einüben bestimmter Handzeichen anreichern.“

Fingerspiele und Lieder, die mit Handzeichen begleitet werden, werden als sprachfördernd angesehen. Gebärden mit Babys und Kleinkindern aber nicht? Das ist doch unschlüssig.

In der Expertise „Gebärdensprache, lautsprach unterstützende Gebärden und Bildkarten – Inklusive sprachliche Bildung in Kindertageseinrichtungen unter Berücksichtigung alternativer Kommunikationssysteme“ schreibt Barbara Hänel-Faulhaber:
„Frühsprachliche Untersuchungen zu hörenden Kindern und ihren natürlichen Gesten belegen, dass das gleichzeitige Angebot von Geste und auditorischer Information den Wortschatzerwerb unterstützt. Hier wird vermutet, dass die zusätzliche Information über die Bildhaftigkeit der Geste das Wortlernen erleichtert (Cook u. a. 2008; Wagner u. a. 2004; Goldin-Meadow / Mayberry 2001)
Die Expertise habe ich auf meiner Seite abgelegt: https://kindergebaerden.info/wissenschaft/

Herr Renz-Polster nimmt auch Stellung zu der Frage: „Verbessert sich durch die Verwendung von Gebärdensprache die Eltern-Kind-Kommunikation?“ und schließt seine Ausführungen mit dieser Frage ab: “… was muss in diesem Beziehungsgeschehen alles schief laufen, wenn ein Baby sich darauf verlassen muss, dass es in seinen physiologischen Bedürfnissen wie „will schlafen“ oder „bin hungrig“ nur verstanden wird, wenn es die richtigen Handzeichen kennt?“

Ich frage mich, ob Herr Renz-Polster Erfahrungsberichte von Eltern gelesen hat. Wie oft wird berichtet, dass die Gebärden es ermöglicht haben zu sehen, was das Kind denkt. So zeigt z.B. ein Kind „Sirene“ , weil es ein Martinshorn gehört hat, ein anderes Kind mit Gebärden erzählen, dass es einen „Schmetterling“ sieht.
Meinen Sohn konnte ich oft helfen, wenn er fragend herum ging. Er sucht dann seine Milchflasche oder Kuschelmaus. Mit den entsprechenden Gebärden hat er gezeigt, was er vermisst.

Hat Herr Renz-Polster Erzieher gefragt, welche Erfahrungen diese mit Kindergebärden machen? Wieviel besser sie die Kleinen verstehen können bzw. verstanden von den Kindern verstanden werden?

Schade, dass im Artikel nicht darauf eingegangen wird.

In der o.g. Expertise steht dazu: „… Eine gebärdensprachliche Kommunikation führt aufgrund des zusätzlichen visuellen Kommunikationskanals dazu, dass das Gegenüber zusätzliche Anregungen erhält. Deshalb wird vermutet, dass über den Gebärdeneinsatz die geteilte Aufmerksamkeit häufiger sichergestellt wird, was indirekt dem Wortlernen zugutekommen könnte (Clibbens 2001).“

Am Ende des Artikels schreibt Herr Renz-Polster: „Als Fazit würde ich deshalb das nennen: noch so ein Ding, bei dem es weniger auf die Noten als auf die Musik ankommt. Noch so ein Ding, das Freude machen, aber auch Stress machen kann.… Und solange man dabei nicht verkrampft – was kann schon passieren?“

Nun ja… das Kind ist durch die Worte zuvor in den Brunnen gefallen:
Schade, dass der Fokus nur auf Eltern-Kind-Beziehung gelegt wurde.
Schade, dass so viele andere Aspekte – Kindergebärden bei Mehrsprachigkeit, Gebärden für Kinder, deren Muttersprache nicht deutsch ist, der inklusive Faktor den Gebärden haben, Gebärden als Ergänzung und Erleichterung im Kindergartenalltag – nicht beleuchtet wurden.

Birgit Butz

Foto: Dorothea Polster

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1 Antwort

  1. Waltraud Kahr sagt:

    Liebe Frau Birgit Butz,
    danke für Ihre Info. Bitte machen Sie mit Ihrer Arbeit für Kindergebärden weiter!
    Ihre im letzten Absatz erwähnten Aspekte kann ich nur vollinhaltlich unterstützen, möchte aber noch ergänzen, dass die Kindergebärden auch für Erwachsene geeignet sind, um sich noch besser zu verstehen. Und das in allen Sprachen, ob in Gebärdensprache/n oder in Lautsprache/n.
    Mit herzlichen Grüßen
    Waltraud Kahr, 2500 Baden bei Wien

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